Gotthard-Geschichten


Kategorie:
Umgang mit der Natur
  • Mündliche Ausdrucksweisen
  • Darstellende Künste
Kanton:

Beschreibung

Der Gotthard ist mehr als ein Passübergang. Verschiedene Zeitepochen haben ihre je eigenen Geschichten in seinen Fels eingeschrieben, bis aus dem zentral gelegenen Gebirgsmassiv ein eigentlicher Mythos geworden ist. Bis heute funktioniert das Reden über den Gotthard in der ganzen Schweiz als Kulturtechnik, die der gesellschaftlichen Verständigung über gemeinsame Werte dient. Die Anfänge der Mythenbildung lassen sich relativ genau fassen und datieren: Sie gehen auf einen akademischen Historikerdiskurs zurück, der in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stattfand und folglich in den verschiedensten Formen popularisiert wurde. Das Gotthardmassiv avancierte in Verbindung mit seiner militärischen Verteidigungsfunktion im Ersten und dann vor allem im Zweiten Weltkrieg, als die Schweizer Armeeführung zahlreiche Festungsanlagen in den Fels sprengen liess, zum Sinnbild für nationale Souveränität und technisches Leistungsvermögen. Im politischen Diskurs der «Geistigen Landesverteidigung» stieg es gar zu einem eigentlichen Kristallisationspunkt der schweizerischen Staatsidee auf. Diese säkulare Weihung des Gotthards ist in ihren Grundzügen bis heute wirksam geblieben, mit besonderen Ausprägungen in Uri, wo die nationalen Mythologeme mit Elementen der lokalen Erzähltradition – allen voran mit der bekannten Sage über den Bau der Teufelsbrücke – angereichert sind, und im Tessin, wo ein starker Akzent auf der Entstehungsgeschichte des 1882 eröffneten Eisenbahntunnels liegt. Die Bezüge zur Verkehrsgeschichte standen in den letzten drei Jahrzehnten auch landesweit wieder im Vordergrund. Der Bau des Gotthard-Basistunnels verlieh dem in die Jahre gekommenen Mythos neuen Schub. Das zeitgenössische Gotthard-Narrativ hat durch das Jahrhundertbauwerk eine Reihe von – vornehmlich technischen – Superlativen erhalten.

Bildergalerie

  • Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht (Uri), dahinter die Brücke der Matterhorn Gotthard-Bahn, 2011 © Christof Hirtler, Altdorf
  • Der legendäre Teufelsstein an seinem neuen Standort in Göschenen (Uri), wohin er 1973 wegen des Autobahnbaus in einer aufwändigen Aktion versetzt werden musste, 2011 © Christof Hirtler, Altdorf
  • Mit seinem Werk «Gotthardpost» von 1873 schuf Rudolf Koller eine Bildikone des jungen Bundesstaats, acht Jahre bevor der Eisenbahntunnel dem fahrplanmässigen Kutschendienst ein Ende setzte
  • Auf der Südseite führt die «Tremola» zum Gotthardpass © Stefano Ember / shutterstock.com
  • San Gottardo, Ospizio, Automobile postale = St. Gotthard-Hospiz und Postauto, 2094 m (Postkarte) ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Fel_006160-RE / Public Domain Mark
  • Die Gotthardpasshöhe auf 2091 Metern über Meer mit dem alten Hospiz, Hotel und Poststation, 2015 © Alexander Hoernigk (via Wikimedia Commons)
  • Festung Motto Bartola, Airolo, Schweiz: Infanteriebunker Fieudo oben A 8400 © Paebi/Wikipedia
  • Schweizerische Grenzbesetzung, 1914: Landsturmmann an der Gotthardlinie © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Fel_017068-RE / Public Domain Mark
  • Der Gotthardvertrag 1909 (SR 0.742.140.11) führte zu Protesten in der Schweizer Bevölkerung; der Staatsvertrag sichert Deutschland und Italien einen durchgehenden Eisenbahnverkehr über den Gotthard zu. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / PK_008979 / Public Domain Mark
  • Bei Wassen gewinnt die alte Gotthardbahn durch die Kehrtunnels an Höhe; die Kirche ist von verschiedenen Seiten zu sehen. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_05092-112 / Public Domain Mark
  • Denkmal von Vincenzo Vela (1820–1891) aus Ligornetto, das in Airolo an die Opfer des Eisenbahntunnelbaus erinnert © picswiss.ch / Roland Zumbühl
  • Der Film «San Gottardo» von Villi Hermann (Silberner Leopard am Filmfestival Locarno 1977) stellt die Durchbohrung des Eisenbahntunnels im 19. Jahrhundert derjenigen des Autotunnels im 20. Jahrhundert gegenüber; Hermann erzählt dabei die Geschichte der Arbeiter (Plakat von Werner Vogel, Luzern) © Schweizerische Nationalbibliothek, Plakatsammlung/Werner Vogel/Villi Hermann
  • Die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht (Uri), dahinter die Brücke der Matterhorn Gotthard-Bahn, 2011 © Christof Hirtler, Altdorf
  • Der Teufelsstein bei Göschenen (Uri), 2011 © Christof Hirtler, AltdorfDer legendäre Teufelsstein an seinem neuen Standort in Göschenen (Uri), wohin er 1973 wegen des Autobahnbaus in einer aufwändigen Aktion versetzt werden musste, 2011 © Christof Hirtler, Altdorf
  • Mit seinem Werk «Gotthardpost» von 1873 schuf Rudolf Koller eine Bildikone des jungen Bundesstaats, acht Jahre bevor der Eisenbahntunnel dem fahrplanmässigen Kutschendienst ein Ende setzte
  • Auf der Südseite führt die «Tremola» zum Gotthardpass © Stefano Ember / shutterstock.com
  • San Gottardo, Ospizio, Automobile postale = St. Gotthard-Hospiz und Postauto, 2094 m (Postkarte) ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Fel_006160-RE / Public Domain Mark
  • Die Gotthardpasshöhe auf 2091 Metern über Meer mit dem alten Hospiz, Hotel und Poststation, 2015 © Alexander Hoernigk (via Wikimedia Commons)
  • Festung Motto Bartola, Airolo, Schweiz: Infanteriebunker Fieudo oben A 8400 © Paebi/Wikipedia
  • Schweizerische Grenzbesetzung, 1914: Landsturmmann an der Gotthardlinie © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Fel_017068-RE / Public Domain Mark
  • Der Gotthardvertrag 1909 (SR 0.742.140.11) führte zu Protesten in der Schweizer Bevölkerung; der Staatsvertrag sichert Deutschland und Italien einen durchgehenden Eisenbahnverkehr über den Gotthard zu. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / PK_008979 / Public Domain Mark
  • Bei Wassen gewinnt die alte Gotthardbahn durch die Kehrtunnels an Höhe; die Kirche ist von verschiedenen Seiten zu sehen. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_05092-112 / Public Domain Mark
  • Denkmal von Vincenzo Vela (1820–1891) aus Ligornetto, das in Airolo an die Opfer des Eisenbahntunnelbaus erinnert © picswiss.ch / Roland Zumbühl
  • Der Film «San Gottardo» von Villi Hermann (Silberner Leopard am Filmfestival Locarno 1977) stellt die Durchbohrung des Eisenbahntunnels im 19. Jahrhundert derjenigen des Autotunnels im 20. Jahrhundert gegenüber; Hermann erzählt dabei die Geschichte der Arbeiter (Plakat von Werner Vogel, Luzern) © Schweizerische Nationalbibliothek, Plakatsammlung/Werner Vogel/Villi Hermann

Referenzen und Dossier

Publikationen
  • Giorgio Bellini: La strada cantonale del San Gottardo: storia e storie della Tremola dall'Ottocento ai giorni nostri. Claro, 1999

  • Kilian Elsässer, ViaStoria (Ed.): Der direkte Weg in den Süden: die Geschichte der Gotthardbahn. Zürich, 2007

  • Guido Calgari: San Gottardo - Sintesi nazionale in quattro tempi e tre intermezzi. Lugano, 1937

  • Urs Hafner: Der unsichtbare Berg. Wie der Gotthard zu seinem Mythos kam. In: Neue Zürcher Zeitung, 14. Mai 2016, p. 47

  • Villi Hermann: San Gottardo. Produzione TSI. Lugano, 1977 (Film)

  • Elisabeth Joris, Katrin Rieder, Béatrice Ziegler (Ed.): Tiefenbohrungen. Frauen und Männer auf den grossen Tunnelbaustellen der Schweiz 1870-2005. Baden, 2006

  • Jon Mathieu: Gotthardverkehrswege - Nukleus der Eidgenossenschaft im Spätmittelalter? In: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Ed.): Eine Zukunft für die historische Verkehrslandschaft Gotthard. Bern, 2014

  • Peter von Matt: Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz. München, 2012

  • Orazio Martinetti: Sul ciglio del fossato - La Svizzera alla vigilia della grande guerra. Locarno, 2018

  • Renato Martinoni: Viaggiatori del Settecento nella Svizzera italiana. Locarno, 1989

  • Josef Müller: Sagen aus Uri. 3 Bände. Basel, 1926 / 1929 / 1945

  • Boris Previšić (Ed.): Gotthardphantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur. Baden, 2016

  • Remigio Ratti: L'asse ferroviario del San Gottardo: economia e geopolitica dei transiti alpini. Locarno, 2016

  • Judith Schueler: Materialising identity. The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity. Amsterdam, 2008

  • Helmut Stalder: Goethe am Gotthard. In: Neue Zürcher Zeitung, 12. Januar 2017

  • Aloys Schulte: Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien mit Ausschluss von Venedig. 2 Bände. Leipzig, 1900

  • Gerardo Rigozzi, Luca Saltini (Ed.): Lungo i binari del tempo / Auf den Schienen der Zeit. Catalogo della mostra «Lungo i binari del tempo: vedute e stampe della collezione di Giorgio Ghiringhelli, dal Settecento alla ferrovia del Gottardo», Biblioteca cantonale di Lugano, 24 maggio - 31 ottobre 2016. Lugano, 2016

Dossier